Lückenpresse? Über Medien- und Meinungsfreiheit in Europa Kolumne: Presse- und Medienfreiheit
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Kolumne: Presse- und Medienfreiheit

Lückenpresse? Über Medien- und Meinungsfreiheit in Europa

01/2016
Jürgen Zietlow

Polen, Ungarn, Frankreich. Deutschland? Die europäische Medienlandschaft ist offensichtlich auf dem Weg zurück in die Vergangenheit. Während hierzulande mit Schrecken über diese Entwicklung berichtet wird, streiten wir darüber, ob die Strukturen der deutschen Medienlandschaft wirklich besser sind. Auch der mediale Umgang mit den Ereignissen in Köln war wohl wie so oft in der Vergangenheit mit grobem Vorsatz lückenhaft.

Manchmal mag es richtig sein, die Öffentlichkeit über Tatsachen uniformiert zu lassen. Doch die desaströse Informationspolitik in Bezug auf die jüngsten Massenvergewaltigungen zeigt einmal mehr, dass die Glaubwürdigkeit der Medien stark gefährdet ist.

Dass auflagenstarke und meinungsbildende Medien überall in Europa nicht nur die vierte Macht im Staat sind, sondern quasi die erste, zeigt, dass es auch hierzulande in der Hand nur sehr weniger superreicher Medieneigentümer liegt, welche Meinung wir Deutsche uns bilden.

Leitmedien können Bundespräsidenten direkt ins Amt heben oder nach Belieben in nur wenigen Wochen auch wieder aus dem Schloss Bellevue „entlassen“. Selbige Macht besteht gegenüber dem Kanzleramt und anderen führenden Positionen im Lande – im Grunde ist das ist nichts Neues.

Polnische Entdemokratisierung im Eiltempo

Darum will die konservative Regierung in Polen im Eiltempo ein Gesetz erlassen, um Führungskräfte der Presseagentur PAP und der staatlichen Medienanstalten nebst sämtlichen Journalisten der Staatsmedien zu überprüfen und ggf. gegen gefälligere Kräfte tauschen zu können. Journalisten und Führungskräfte der Medien, die nicht dem polnischen Mainstream entsprechen, sollen rasch gegen Mitläufer ohne Begründung ausgetauscht werden können, was durchaus einige Tausend Journalisten den Job kosten könnte.

Das neue Mediengesetz wurde Silvester von der Partei PiS (Partei Recht und Gerechtigkeit), die das Parlament kontrolliert, verabschiedet. Damit ist es dem Minister für Staatseigentum, Führungskräfte und Staatsmedien auch ohne Angaben von Gründen möglich, Journalisten jederzeit zu entlassen und durch gefälligere Journalisten zu ersetzen. Experten gehen davon aus, dass das Gesetz schon in wenigen Wochen rechtskräftig wird und sodann eine entsprechende Säuberungswelle einsetzt.

Beata Szydlo: Seit dem 16. November 2015 amtierende Ministerpräsidentin von Polen. Bild: Platforma Obywatelska RP

Türkische Pressefreiheit nur noch eine Worthülse

Große Wut, Enttäuschung und Entsetzen auch in der Türkei. Das NATO-Mitglied schreckt auch davor nicht zurück, selbst Topjournalisten, die nicht auf Linie berichten, zu verhaften. Kurz vor dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (61, CDU) bei dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gab es eine Reihe von Verhaftungen. Auch in der Türkei hält die Säuberungswelle aktuell an. Das Merkel diese eklatanten Menschenrechtsverletzungen nicht mit einem Wort anprangerte, ist wohl symptomatisch.

Auch Ungarn nahe einer Presse-Diktatur

Viel zu lesen war seit etwa 2014 auch über den massiven Rückschritt der Pressefreiheit in Ungarn. Auch hier ist teils von Verhaftungen und gerichtlichen Verfahren, Massenentlassungen und politischem Druck der ungarischen politischen Kaste in deutschen Medien ausgiebig berichtet worden.

Regierungschef Viktor Orbán, bekannt für seine markanten und häufig sogar auch in Deutschland sehr beliebten Aussagen auch zum Thema der europäischen Flüchtlingspolitik, liefert sich einen heftigen Kampf um die Meinungsführerschaft in Ungarn. Pressevertreter werden subtil oder direkt unter Druck gesetzt.

Der rasche Abschied Frankreichs von der Pressefreiheit

Auch die wichtigsten französischen Medien mit meinungsentscheidender Macht sind nicht nur von Industrie- und Rüstungsunternehmen finanziert - sie sind sogar häufig gleich vollständig im Besitz selbiger.

Bei unserem wichtigen westlichen europäischen Nachbarn ist die Wahrscheinlichkeit, eine Gazette aus dem Zeitschriftenregal eines Kiosks zu ziehen, die dem französischen Rüstungskonzern Dassault gehört, ziemlich groß. Der Konzern nennt rund 70 teils große und auflagenstarke französische Tageszeitungen und Magazine sein Eigen - das bekannteste ist die mächtige Gazette Le Figaro, die Putins Bombenexzess in Syrien bejubelte und überhaupt Krieg als Mittel der Rohstoffsicherung bejaht.

Die Intensivierung der französischen Luftangriffe in Syrien nach den schrecklichen Terroranschlägen in Paris wird jetzt durch Rafale- und Mirage-Flugzeuge geflogen, die vom Rüstungs- und Medienkonzern selber produziert werden - nebst forcierten Meinungen der eigenen Medien, die nach Ansicht von Kritikern alles sein mögen, aber sicher nicht unabhängig.

Französischer Präsident François Hollande. Bild: aeneastudio

Willkür gegenüber Bürgern und Medien in Frankreich

Nicht weit entfernt vom hiesigen Chaos regiert auch François Hollande, der unbeliebteste Präsident in der Geschichte Frankreichs, immer häufiger im Ausnahmezustand. Sogar vor dem Außerkraftsetzen von Teilen der Europäischen Menschenrechtskonvention schreckt diese träge französische Regierung derzeit nicht mehr zurück. Inhaftierungen Verdächtiger können jetzt ohne richterlichen Beschluss durchgeführt werden.

Auch Ausgangssperren und Wohnungsdurchsuchungen, ebenfalls ohne richterlichen Beschluss, sowie Hausarreste für Menschen, deren „Aktivitäten“ sich als gefährlich für die öffentliche Ordnung erweisen, zählen zum machterhaltenden Repertoire einer Regierung, die ansonsten sang- und klanglos gescheitert ist. Bereits 50 bis 60 Personen wurden wegen meist banaler Äußerungen zu den Anschlägen in Paris festgenommen und strafrechtlich verfolgt.

Erste Verhaftungen für harmlose Äußerungen

Der französische Komiker Dieudonné beispielsweise wurde für den Satz: „Wissen Sie, heute Abend fühle ich mich wie Charlie Coulibaly“, festgenommen, obgleich dies unbestritten eine sehr harmlos gemeinte Äußerung war - als eine Kombination aus Charlie Hebdo und Amedy Coulibaly, dem Namen eines der Attentäter. Das setzt freie Journalisten und Fernsehschaffende massiv unter Druck. Eine freie und sehr kritische oder auch mal scharfe Meinungsbildung ist damit in Frankreich quasi vollständig zum Erliegen gekommen.

Der französische Komiker Dieudonné beispielsweise wurde für den Satz: „Wissen Sie, heute Abend fühle ich mich wie Charlie Coulibaly", festgenommen. Bild: www.francebleu.fr

Selbst gegen Schüler, die nicht an einer Schweigeminute für die Charlie-Hebdo-Opfer teilnehmen wollten, wurden Ermittlungen wegen „Terrorismus-Verherrlichung“ eingeleitet. Immer restriktiver wird dort also auch gegen freie Journalisten vorgegangen.

Die Toleranz, die gerade von den Politikern deutlich für Charlie-Hebdo gefordert wurde, gilt demnach immer seltener für die Rechte der freien französischen Presse oder für einzelne Journalisten. Aus meiner Sicht ist diese Aggression gegenüber einer freien Meinungsäußerung symptomatisch für Regierungen, die mit dem Rücken an der Wand stehen.

Auch deutsche Medien verlieren massiv an Glaubwürdigkeit

Satirikern wie Max Uthoff und Claus von Wagner, die die Satiresendung „Die Anstalt“ im ZDF moderieren, gelang schon 2014 eine mittlerweile legendäre und auch in sozialen Medien millionenfach geteilte Aufklärung bezüglich der Verflechtung führender deutscher Medien mit rechtlich kaum zu durchleuchtenden, meist transatlantischen Organisationen.

In diesen „Clubs“ treffen sich regelmäßig Politiker, Wirtschaftsbosse und Militärs, um demnach den Kurs der Meinungsbildung in Deutschland zu besprechen. Angesichts dieser fünfminütigen Fakten kann ich verstehen, dass die vierte Macht im Staat für viele zu einer Farce verkommen ist. Willkommen im Zeitalter der „Scripted Reality“?

Legendär: Die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner präsentieren die Verflechtungen deutscher Medien mit transatlantischen Clubs. Das Landgericht Hamburg hat eine einstweilige Verfügung von zwei ZEIT-Redakteuren abgewiesen und somit die weitgehende Richtigkeit der Aussagen bestätigt. Schlimm genug, dass Kabarettisten anstelle von Journalisten investigative Aufklärung betreiben. Bildausschnitt eines Videos.

Wie sehr die beiden Kabarettisten einen Nerv z. B. bei leitenden ZEIT-Journalisten getroffen haben, zeigt sich dadurch, dass die ZEIT-Redakteure Josef Joffe und Jochen Bittner per einstweiliger Verfügung gegen die Sendung vorgegangen sind. Der Antrag wurde vom Hamburger Landgericht als unbegründet abgewiesen. Der Versuch, diese kaum zu glaubenden Tatsachen durch einen Gerichtsbeschluss zu verharmlosen, ist gescheitert.

„Die Merkels“ und Friede Springer

Bei so viel transatlantischer Einigkeit, so äußern sich auch viele Medienexperten, verwundert auch die Verflechtung der Medien mit dem Kanzleramt kaum noch, ist aber vielen gar nicht so geläufig. So sitzt der Ehemann von Angela Merkel, Joachim Sauer, seit einiger Zeit in Friede Springers 80-Millionen-Euro-Stiftung.

Die Stiftung hat sich u. a. die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der „freiheitlichen Wertegemeinschaft“ mit den Vereinigten Staaten von Amerika auf die Fahne geschrieben.

Merkel auf der Geburtstagsfeier von Friede Springer. In Medien wie der Süddeutsche Zeitung wird gelegentlich über die Freundschaft der beiden berichtet. Für viele stellt sich die Frage, wer das Kanzleramt dann eigentlich medial kontrolliert?

Angela Merkel und Friede Springer sind zudem gute Freundinnen, die sich regelmäßig treffen. Das ließ in der freien Presse immer wieder Zweifel an der Unabhängigkeit der Springer-Presse aufkeimen – ist sie doch meinungsbildend und -führend, man könnte auch sagen: systemrelevant.

„Du meine Güte“, könnten Sie jetzt denken und: „[…] lasst die beiden doch Kaffee zusammen trinken.“ Doch eine Kanzlerin ist keine Kuchen backende Landfrau und Friede Springer sollte ihrer Verantwortung entsprechend als Teil der „vierten Macht im Staat“ Agitationen aus dem Kanzleramt doch eigentlich unparteiisch und kritisch beleuchten. Früher war das mal die Aufgabe der Presse. Aber wie soll das in diesem Fall möglich sein? Genau.

Entschuldigungen für Manipulationen von Seiten der öffentlich-rechtlichen Anstalten

Schlussendlich hat es gerade dieser Tage, wie so oft in den vergangenen Monaten, massive Kritik an den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern gegeben. Aktuell vor allem in Bezug auf die Ereignisse in Köln, Hamburg, Frankfurt und weiteren Städten bezüglich der Hatz auf Frauen, weil sie ihrem informellen Auftrag viel zu spät gerecht geworden sind.

Medienkonsumenten sind sehr kritisch geworden

Für viele Zuschauer war diese mit Vorsatz verzögerte Berichterstattung unerträglich, da versucht wurde, das Thema möglichst regional versickern zu lassen. Fernsehanstalten und regionale Medien mussten abermals einen herben Fehler eingestehen und sich wieder mal entschuldigen. Vielleicht wäre „Entschuldigung“ das bessere Unwort des Jahres, denn mit jedem weiteren Vorfall sondieren Zuschauer noch kritischer.

Einfach die Kommentare abschalten, wie es SPON immer häufiger macht, um zu vertuschen, wie die Leser wirklich denken, können sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten kaum leisten.

Die Zuschauer und Leser sind mittlerweile bezüglich in den Medien auftretender Lücken sehr sensibilisiert. Immer häufiger wird gefordert, auf bewertende oder erzieherische Kommentare zu Gunsten einer ausgewogenen Berichterstattung zu verzichten. Bild: fotolia

„Kartell des Schweigens“ über die Kölner Ereignisse trotz über 500 Anzeigen

Derzeit zeichnet sich das Bild ab, dass dieses so häufig bezeichnete „Kartell des Schweigens“ (O-Ton des früheren Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich) lediglich dadurch vereitelt wurde, dass die sozialen Medien übergekocht sind und auch unabhängige Medien massiv darüber berichteten. Aber auch, da einige Polizisten und Gewerkschaftsvertreter klare Statements dazu abgegeben haben, die nicht länger ohne den totalen Gesichtsverlust verschwiegen werden konnten.

Mittlerweile ist bekannt, dass mehrere Hundert Frauen in Deutschland massiv belästigt und gedemütigt wurden. Hinzu kommen zahlreiche Raubdelikte. Man schätzt die Dunkelziffer von Betroffenen weit höher als einige Hundert Fälle – eine unglaubliche Dimension! Hinzu kommen weitere Anzeigen aus allen Teilen Deutschlands. Von bundesweit mehr als 2.000 schweren Vorfällen allein in der Silvesternacht ist die Rede.

Berichterstattung erst nach Sondierung des Mainstream?

Notgedrungen (und das erst nach vier Tagen des Schweigens) räumte die Polizei hochoffiziell ein, dass es sich bei den Tätern meistens um junge männliche Flüchtlinge handeln soll. Von nur 70 aufgenommenen Personalien, so berichtete der NDR, hätten „alle Täter“ Asylpapiere vorgelegt. Das könnte der Grund dafür sein, dass der offensichtlichen Praxis entsprechend auch hier zunächst versucht wurde, das Thema klein zu halten.

Wenigstens, so der Vorwurf, wollten gewisse Medien zunächst abwarten, was der politische Betrieb des Kanzleramtes als Richtlinie für die Berichterstattung über die Massenvergewaltigung vorgeben würde – und der hat seinen Dienst erst am 04. Januar wieder aufgenommen. Gerade auch, da das Thema durch das persönliche und ungewohnte Engagement von Angela Merkel mehr als üblich unmittelbar mit dem Kanzleramt verbunden ist. Wer will es sich schon mit den politisch Mächtigen verscherzen?

Offenbar gibt es häufiger Absprachen unter einigen führenden Medien darüber, wann und in welchem Klang berichtet werden soll und welche „Wünsche“ das Kanzleramt dazu abgibt. Schon im Zuge der Finanzkrise gab es „Empfehlungen“ aus dem Kanzleramt und mehrere Einladungen, um zu verhindern, dass die Bürger ihr Geld abheben. In diesem Falle war es wohl richtig, doch wann ist Manipulation sinnvoll und wer soll das entscheiden?

Viele wünschen sich mehr Anteilnahme gerade von Kanzlerin Merkel

Einige der Eltern dieser teils sogar vergewaltigten Opfer verlangten bislang vergebens viel deutlichere Worte der Kanzlerin. Viele hätten sich wenigstens eine direktere Ansprache gewünscht, war sie es doch, die den Satz „Wir schaffen das“ unbeirrt prägte und aus Sicht einiger Opfer durch die permanente Verharmlosung unmittelbar die Verantwortung für diese Vorfälle tragen müsste – vielleicht sogar eine Entschuldigung über die Lippen bringen sollte.

Merkel mit US-Präsident Barack Obama bei der Verleihung der Presidential Medal of Freedom, 2011. Bild: wikimedia

Tatsächlich rechnet niemand damit, dass die Bundeskanzlerin diese Courage aufbringen wird, denn Merkel hat noch nie einen Fehler zugegeben und wird wohl an dieser Praxis auch nichts ändern. Die bisherigen Äußerungen sind eine Farce und eine Ohrfeige für die gedemütigten Frauen. 

Systematische Manipulationen?

Anstatt das Thema wenigstens jetzt medial transparent und sachlich zu behandeln, reagiert Merkels Staatsbetrieb scheinbar mit noch mehr Druck auf die Medien. Es gibt offenbar ein Polizeibericht aus Köln, der die Gewalt der arabischen Angreifer minutiös schildert. Daraufhin hatte die Kölner Polizei zunächst rasch eine Nachrichtensperre erlassen, was in dieser Situation nur auf Anweisung von oben überhaupt möglich ist.

Mich persönlich hat speziell dieser wiederholt manipulative Umgang mit der Wahrheit maßlos enttäuscht. Bei aller Toleranz und trotz allem Verständnis für komplexe politische Vorgänge, finde ich keine Worte mehr dafür, dass Frau Merkel nicht nur keinen Anlass sieht, sich auch ohne diese ganz besondere Verantwortung persönlich bei den teils stark gedemütigten Frauen wenigstens einfühlsamer zu nähern, sondern zeitgleich toleriert, wenn nicht forciert, dass die Wahrheit möglichst runtergespielt wird.

Deeskalation ist richtig, aber nicht in der Form, dass der freien Presse anheim gelegt wird, wie sie zu berichten habe, sondern vielmehr durch sachliche Aufklärung. Besonders auch um eine Allgemeinschuld gegenüber Asylsuchenden zu vermeiden.

Generalverdacht gegenüber Asylbewerbern wäre fatal

Diese erschütternden Vorfälle dürfen keinen Generalverdacht gegenüber Asylbewerbern im Allgemeinen begründen – dies ginge weit an der Realität vorbei. Schon rein rechnerisch wären selbst Tausende Täter, gesehen auf 1,2 Millionen Asylsuchende 2015, eine absolute Minderheit und weit unterhalb von einem Prozent. Warum klärt die Presse nicht mit solchen Fakten auf? Zeitgleich sollte es jedoch ein großes Interesse an Transparenz in der Berichterstattung geben.

Auch die Sorge, dass Rechtsextreme Kapital aus den Vorfällen schlagen könnten, ist wohl begründet. Liebe Frau Claudia Roth: Ich zählte nie wirklich zu Ihren Fans. Dennoch halte ich Ihre Mahnung vor einer Gegen-Hatz z. B. auf Farbige für begründet. Doch wie erwähnt ist der eigentliche Skandal, dass Medien sich offensichtlich im Bunde mit der Politik anmaßen zu entscheiden, welche Informationen den Bürgern zugemutet werden sollten. Das ist das genaue Gegenteil von Pressefreiheit und es scheint, als hätten sich die Agitatoren über die Jahre an diese genau genommen nicht akzeptable Praxis sogar schon gewöhnt.

Müssen Ereignisse medial unterdrückt werden, da rechtsextreme Gruppierungen ansonsten Kapital aus gewissen Ereignissen schlagen könnten? Bild: Rufus46.

Auch wenn es ggf. gute Gründe für diese Strategie geben würde, so bleibt dieser erneute Versuch der Informationsunterdrückung ein Fußtritt gegen das Grundgesetz und das Presserecht. Wer sämtliche Flüchtlinge wegen dieser Vorfälle über einen Kamm schert, dem kann stattdessen mit anderen Methoden und faktischen Argumenten begegnet werden, soweit dies politisch überhaupt gewollt ist.

Doch was derzeit geschieht, ist nicht nur eine Ohrfeige für Hunderte Opfer, sondern zugleich eine nicht ausreichend dementierte und stillschweigend tolerierte Gleichstellung mehr oder weniger aller Flüchtlinge mit den Tätern der Silvesternacht. Doppelt fatal.

Das Informationsmanagement und der Klüngel zwischen Medien und Politik, sind auch in diesem neuerlichen Fall unverständlich und wie so oft in den letzten Monaten auf ganzer Linie gescheitert. Verschweigen und manipulieren, Nachrichtensperren und politischer Druck auf große Medien als Reaktion auf die erschütternden Vorfälle sind gerade Wasser auf die Mühlen Rechtsextremer. Ob die Herzlichkeit von Merkel bei genauerem Hinsehen Kalkül im Interesse der Wirtschaft ist, um den Mindestlohn zur Integration von Migranten wieder aufzuheben, wird seit Monaten diskutiert.

Der Wolf im Mutti-Pelz

Verständlicherweise ist es für Frau Merkel ein herber Schlag, dass ihr ziemlich bedingungslos durchgepeitschtes „Integrations-Projekt“ gegen alle Widerstände fast sämtlicher EU-Partner und trotz zahlloser Kritik hiesiger Politiker (Hunderte Bürgermeister, Landräte, Verantwortliche, Parteifreunde etc.) im Sinne des „wir schaffen das“ immer mehr Landsleute zweifeln lässt. Nicht nur wegen dieser aktuellen Vorfälle an sich, sondern insbesonders wegen des desaströsen Krisenmanagements im Umgang mit der öffentlichen Meinung.

Merkels bockig wirkende Basta-Politik geht immer routinierter selbst über bestehende europäische Verträge hinweg (Schengen etc.) und hat der europäischen Idee jüngst sicher keinen Vorschub geleistet, denn was sind Verträge von heute wert, wen sie morgen von Berlin gebrochen werden? Viele fragen sich, wer eigentlich Merkel regiert und ihre Agitationen steuert oder was die Bundeskanzlerin da so antreibt.

Hat Angela Merkel die Kontrolle verloren? Gibt es Alternativen? Aufgrund der jüngsten Ereignisse in Köln und anderen Städten geriet Merkel massiv in die Kritik. Doch Neuwahlen mag niemand fordern - zu groß ist die Angst, dass die AfD eben daraus Kapital schlagen würde und möglicherweise bundesweit bis zu 20 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen könnte. Bild: alicemeg

Rechtsbrüche gegen diverse europäische Verträge, die wir schon von der Finanzkrise kennen, der falsche Eingang auf Hunderter Bürgermeister und Landräte, die sich in gemeinsamen Schreiben an die Kanzlerin wandten, da sie es nicht schaffen, massive Kritik von Polizeigewerkschaften und angesehenen Persönlichkeiten dieser Gesellschaft und jetzt also noch der scheinbar wiederholte Klüngel mit Medien?

Diese gewisse Sturheit aus dem Kanzleramt korreliert offenbar mit dem Kontrollverlust über die Ereignisse. Umso deutlicher Merkels Credo „wir schaffen das“ von der tatsächlichen Gegenwart relativiert wird, desto rigoroser greift das Kanzleramt jetzt offensichtlich mit allem Mitteln durch, um die Meinungen, ergo die Medien in Deutschland, noch restriktiver zu steuern. Polens neue Pressegesetze gehen im negativen Sinne noch signifikant weiter. Der Abstand sollte sich trotzdem nicht verkürzen. 

Vielleicht wäre „lasst es uns versuchen“ weit besser als „wir schaffen das“ gewesen. So jedenfalls verlieren führende Medien das Vertrauen ihrer Leser und Zuschauer, denn solche Schummeleien sind mittlerweile häufiger mal im Programm.

Manipulation oder „Scripted Reality“

Schon in der allerjüngsten Vergangenheit mussten Fernsehdirektoren wie Schönborn (WDR) immer wieder versuchte und bewiesene Manipulation gegenüber ihren Fernsehzuschauer eingestehen – bis auf wenige Ausnahmen nie freiwillig. Bei dieser Regelmäßigkeit und bei dieser Anhäufung zugegebener Manipulationen wäre „Scripted Reality“ womöglich das bessere Unwort des Jahres gewesen.

Häufig waren die Manipulationen politisch motiviert und ließen die Zuschauer verständnislos und enttäuscht zurück. Mal ging es um auffällige Fehler bei Wahlprognosen, dann um Abstimmungen bei Musikwettbewerben (da es z. B. nicht sein durfte, dass eine Band wie Rammstein den ersten Platz belegt), dann um Bilder von Lichterketten, die aus dem Archiv entnommen wurden, da mehr Teilnehmer zu sehen waren. Aber auch um manipulierte Berichterstattungen über den Weltkrieg, der aktuell in Nahost und Afrika vor sich hin lodert, was bis hin zu vollständig gestellten Szenen reichte.

Sind alle Medien Lügenpresse?

Nein. Ein wenig Hoffnung macht, dass viele Medienvertreter Fehler in der Berichterstattung eingestanden haben, auch wenn dies dem Druck der Öffentlichkeit geschuldet war. Die jüngste Berichterstattung ist spürbar tranzparenter – auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Solche Manipulationen machen auch nicht gleich sämtliche Medien zur Lügenpresse, aber eben zu Medien, die jedenfalls immer dann, also in all diesen aufgedeckten Fällen der Manipulation - wie soll man es anders sagen - mit Vorsatz gelogen haben? Das Ausmaß ist erwähnenswert. 

Lügenpresse, das Unwort des Jahres 2015. Gruppierungen wie PEGIDA, aber auch demokratisch legitimierte Parteien wie die AfD versuchen, Kapital aus den jüngsten Vorfällen zu schlagen. Ob die AfD eine wirklich Alternative ist, zweifeln viele Beobachter an, denn, so ihr Argument, von Protest alleine, lässt sich ein Land wie Deutschland sicher nicht regieren. Bild: wikimedia

Dass heute auch mit neurologisch-wissenschaftlich fundiertem Wissen, also hochgradig subtil manipuliert wird, darüber haben wir bereits 2014 in unserem Fachmagazin Ethik berichtet. .

Was lernen wir daraus? Und was die Medien?

Ein alter kaufmännischer Grundsatz lautet: Konkurrenz belebt das Geschäft. Auf die deutsche Presse umgemünzt bedeutet dies, besonders kleineren Medien und Magazinen eine Chance zu geben, die unterhalb des Radars dieser wirtschaftlich-politisch-medialen „Interessengemeinschaft" berichten, kurz: sich viel häufiger abseits auflagenstarker Medien Informationen zu beschaffen oder in sozialen Medien. Dort lässt sich gelegentlich schon Tage vorher ablesen, zu welcher Berichterstattung sich führende Medien Tage später hinreißen lassen. 

Leitmedien verlieren ihre Glaubwürdigkeit

Wir alle kennen das doch: Darf ich das sagen? Kann ich es mir leisten, eine eigene Meinung zu haben? Was denken meine Geschäftspartner? Die Bank? Wie mag sich das Leben wohl in der DDR angefühlt haben, ist man angesichts der Tatsache fast geneigt zu fragen, dass in Frankreich mittlerweile schon Spaßvögel für satirische Äußerungen verhaftet werden.

Wer traut sich angesichts dieser Exempel jetzt noch, seine Meinung frei zu äußern? Wir stehen möglichweise erst am Anfang einer sich bereits seit einigen Jahren schrittweise abzeichnenden Erosion von Menschen- und Presserechten in Europa. Das kann eigentlich nicht gut sein.

Das gerade dieser Druck zu weiterem Schwund der Leserschaft führen wird, scheint einigen Medienhäusern egal zu sein – teils haben sie andere Einnahmequellen erschlossen, so dass sie auf volles Risiko spielen können, ohne wirklich etwas zu riskieren. Ebenso wie die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die ebenfalls nicht ihr eigenes Geld riskieren, sondern unser Geld – wenigstens fünf Milliarden Euro jedes Jahr.

Fazit

Durch den großen und millionenfachen Protest in der Öffentlichkeit (u. a. in sozialen Netzwerken) ist es bei den aktuellen Ereignissen in Köln und anderswo jedenfalls für dieses Mal gelungen, viele Medien rasch zu einer anderen, tranzparenteren Berichterstattung zu bewegen. Das macht Hoffnung.

Auch, dass einige Medien den Schneid hatten, sich bei Ihren Lesern oder Zuschauern zu entschuldigen. Daran zeigt sich, dass diese Gesellschaft, so sie denn will, aktiver, aufmerksamer und einflussreicher ist als gedacht und die Bürger auch abseits kanalisierter Proteste immer noch Einfluss nehmen können – und sollten.

Kommentare

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11.01.2016 um 18:41 Uhr
Frank A. Wohlers schreibt
Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch Texter und Autoren sind selbst bei Werbetexten schon bemht, sich an einen Sprachcodex zu halten, um es sich nicht mit der Suchmaschine zu verscherzen. Wrde mich nicht wundern, wenn Sie fr kritische Artikel selber abgestraft werden :). Die meisten Medien sind doch nur noch Berichterstatter der Industrie und von zahlenden Kunden. Lesbar ist auch in unserer Branche nix mehr wirklich.

Ich bin jetzt neuer Stammuser bei Ihnen! Sie haben das Thema Medien in einen interessanten Zusammenhang mit einem europischen Trend gestellt, den ich so noch gar nicht gesehen habe.
11.01.2016 um 21:18 Uhr
Sabine B. schreibt
Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Artikel: Da geht es um die Aussage des FDP-Vorsitzenden Lindner, der in einem anderen Zusammenhang von Kultur spricht, womit unsere Denkweise ber bestimmte Vorgnge gemeint ist. Im Grunde geht es dabei um freies und nicht durch groe digitale Player wie facebook an-dressierte Denkmuster. Wir knnen nicht stndig lachend und albern durch die Gegend laufen und jedes Thema verniedlichen.
http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/christian-lindner-deutschland-braucht-eine-kultur-des-scheiterns-aid-1.4845270

Auch in der Kreativbranche gibt es einen Textcode (blo nicht kritische werden), den du nicht brechen darfst, wenn du fr grere Magazine schreiben willst. Die fhlen sich alle diesem Code verpflichtet, ohne dass er ausgesprochen wurde - es gengt das instinktive Abgucken \"von oben\" wie in der Schule damals.

Lindner bezeichnete diese \"Kultivierung\" (im Speziellen in Bezug auf das Scheitern von Unternehmern) als Grund, warum Leute lieber in den ffentlichen Dienst gehen, statt zu grnden. Doch wir brauchen Unternehmer, die sich noch zu grnden trauen.
12.01.2016 um 21:29 Uhr
Influencer schreibt
Na ja, seine Meinung kann man nicht immer frei heraus sagen. Und das ist auch gut so. Aber manchmal darf man selbst die Meinung nicht uern, die man eigentlich uern drfen sollte. Doch selbst beim Contentbuilding passt man ja nicht nur auf, dass man relevant bleibt, sondern ob man zu viele negativierte Worte verwendet, um sich das SEO icht zu versauen.
13.01.2016 um 14:18 Uhr
Cloudworker schreibt
Wie wahr, sehr interessanter Artikel, der aber kaum was ndern wird. Der Code von dem hier viel gesprochen wird, ist die Vorlage fr unser tgliches Verhalten.

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