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Handystrahlung

Smartphones – Neue Erkenntnisse über gesundheitliche Gefahren

08/2015
druckdeal.de

Für die Druck- und Medienbranche werden Begriffe wie „Responsive“ oder „Mobile friendly“ zum täglichen Brot, so auch zunehmend für Printbuyer, die mobil surfen möchten. Wer sich nicht auf mobile Nutzer einstellt, wird irgendwann „abgestraft“. Mobilität ist ein großes Thema in der Medienszene. Allerhöchste Zeit also für eine kritische, anstelle einer nur euphorischen Betrachtung.

Ein typisches Bild bei jungen Nutzern: Das Handy am Ohr und das meistens sogar viele Stunden täglich. Auch Aktuelle Studien warnen vor möglicherweise erheblichen Gefahren. (Bild: Slideshare)

Noch vor wenigen Jahren häuften sich Berichterstattungen über die Spielsucht von Kindern – es gab eine sehr lebendige Debatte. Jetzt, wo wir alle miteinander… ja, quasi ein Stück weit abhängig sind, weil wir unsere Smartphones immer seltener aus der Hand legen können oder wollen, ignorieren wir auch Tatsachen, die uns vielleicht aber doch interessieren sollten. Wir können die Verantwortung für unsere Gesundheit nicht delegieren. Wahr ist, dass sich langjährige Poweruser wahrscheinlich einer ganz anderen Gefahr als einer ggf. noch tollerablen Vielnutzung aussetzen – einer Art von Verstrahlung als direkte Folge einer exzessiven Nutzung.

Die Ergebnisse unserer sicher nicht vollständigen Recherche haben uns überrascht, denn der Tenor sämtlicher hochoffiziellen Stellen über die Gefahr von Handystrahlung lautet:Im Grunde nicht, aber möglicherweise doch. So wie lange Jahre bei Asbest oder Tabak, bei dem sich erst Mitte der 70er Jahre Wiederstand organisierte, der erst viele Jahre später mehr und mehr zur Verschärfung von Gesetzen führte, die teilweise erst wenige Jahre gelten?

Niemand soll die Lust an seiner Mobilität verlieren

Damit das gleich geklärt wäre: Unsere Redakteure benutzen allesamt Smartphones. Keiner zeigt mit dem Finger auf andere User. Gerade auch deshalb waren wir interessiert zu klären, ob das Ganze gefährlich ist und wenn ja, wie gefährlich. Ja, wir bekennen uns: Wir sind Smartphone-Abhängige – das würden uns Suchtexperten unisono bescheinigen. Wer über dieses Thema schreibt, kann sich unter gleichgesinnten Powerusern (User, die über eine Stunde täglich mobil im Internet oder am Telefon kommunizieren) eigentlich nur outen.

Beim Rundumblick in der Redaktion, finden sich also einige Smartphones. Natürlich ständig geladen und voll betriebsbereit. Wir schauen uns leicht verstört an und fragen uns, was schon dabei ist an der smarten Kommunikation? Das Comingout unserer Redaktion ist eigentlich keines, denn in Bezug auf die digitale Sucht ist die Gesellschaft im Gegensatz zu anderen Abhängigkeiten längst dazu übergegangen, nur noch über die Wirkung, aber nicht mehr über die Folgen des Überkonsums zu sprechen.

Gefährliche Strahlung durch Handys und Smartphones? Aktuelle Studien bestätigen, dass sich Vielnutzer einer erheblichen Gefahr aussetzen könnten. (Bild: GPG)

Ist es aber deshalb wirklich besser und weniger gefährlich, wenn wir täglich 156 „süße“ Bilder, hunderte E-Mails, 140-Zeichen-Tweets, unzählige 6-Sekunden-Videos und andere digitale Botschaften konsumieren? Wahrscheinlich nicht. Wenigstens ist es offensichtlich kollektiv leichter, Gefahren strikt zu ignorieren und da sind Parallelen zu anderen „Zwängen gar nicht so sehr weit entfernt.

Aber smarte Kommunikation ist nicht so gefährlich wie z. B. trinken oder rauchen. Wäre das so, würden wir bestimmt informiert werden von Fachleuten, der Bundesregierung, den Verantwortlichen, Experten und so“, wirft unser Webdesigner ein, der gerade mit im Raum ist.

Wir gönnen uns eine Denkpause. Minutenlanges Schweigen.

„Vielleicht gibt es ja Warnungen und wir ignorieren sie einfach oder finden sie nicht, weil sie nicht präsent bzw. penetrant genug verbreitet werden?“, wirft eine Kollegin fragend ein. „Wie meinst Du das konkret?“, wollten wir wissen. „Na ja, dieses Ding mit kognitiver Dissonanz, also im Grunde wissen, dass Gefahren bestehen, es aber trotzdem tun. So wie Raucher, die genau wissen, dass ihnen Tabak schadet, aber trotzdem rauchen."

Wir sind uns einig, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass beim Thema der Gefahren durch Smartphone-Strahlung wenn auch nicht gelogen, dann jedenfalls nicht laut und deutlich genug die Wahrheit gesagt werden könnte oder worden wäre. „Das Thema wird doch schon dadurch verharmlost, weil keine Behörde proaktiv warnt oder dafür sorgt, dass mögliche Unsicherheiten über die Medien verbreitet werden“, stellt die Kollegin fest, Mutter zweier Töchter im Alter von sieben und neun Jahren. „Ja, mag alles sein, aber vielleicht gibt es da ja auch gar nichts zu warnen?“ Wir wollten mehr wissen.

Einfluss durch mächtige Industrie?

Die Industrie und Internetkonzerne wie Google, Facebook, Twitter, Amazon und unzählige weitere Branchensegmente sowie ganze Industriezweige hängen an dieser Mobilität. Viele Profiteure also. Auch und vor allem die Politik vertritt ihre eigenen Interessen – nach allem, was in den Medien permanent zu lesen war. Die großen sozialen Dienste sind nicht nur Bigdata-Bagger für allerhand Abnehmer, sondern funktionieren auch als Abhörequipment für weltweit agierende Geheimdienste, wie bekannt wurde.

Der Internet-Intellektuelle Sascha Lobo, Blogger und seit Jahren Kolumnist bei Spiegel Online nennt diese digitalen Akten über uns „Patterns of Life Analysis“, grob zu übersetzen mit Verhaltensmuster-Analyse. Je aufdringlicher sich die Smartphones in unseren Alltag drängen, desto dichter der Datenteppich. Desto einfacher die Psychoanalysen und die daraus folgende Manipulierbarkeit, die sehr viel weiter über das bekannte Behavioral Targeting hinausragen, bei dem wir von Internetbannern eines Themas verfolgt werden, für das wir uns beim Surfen interessierten.

Sascha Lobo wurde u. a. als Kolumnist für Spiegel-Online bekannt, gleichwohl aber auch als Speaker und Internetblogger. (Bild: wikipedia)

Bleiben wir sachlich und stellen fest: Es ist möglich, dass aufgrund dieser Wichtigkeit für Regierungen und aufgrund des gigantischen finanziellen Interesses unzähliger Branchen kein besonders großes Interesse daran besteht, über die infolge von Vielnutzung möglicherweise gefährliche Strahlung über Gebühr zu berichten.

Fakt ist, dass die Industrie selber zahllose Studien in Auftrag gab, die nach Ansicht warnender Experten zumindest verharmlosen, wenn sie auch meistens nicht soweit gehen, Powerusern eine vollkommene Ungefährlichkeit zu bescheinigen. Es ist bekannt, dass viele Studien von der Industrie selber bezahlt wurden – mit klarer Aufgabenstellung. Warum sollten im Gegensatz dazu freie Wissenschaftler ein Interesse daran hegen, auf Gefahren hinzuweisen, außer dem Ziel, die Wahrheit zutage zu fördern, fragen sich Befürworter einer besseren Aufklärung.

„Das bedeutet aber doch, dass wir quasi total auf uns alleine gestellt sind… ist doch so“, wirft der Volontär in der Redaktionskonferenz ein. Allgemeines Nicken und die Blicke der Kollegen verraten: Ja, eigentlich, …im Grunde schon. „Dann lass uns doch mal offizielle Stellen durchsuchen und nachschauen, ob es überhaupt Gefahren gibt, vor denen z. B. Behörden warnen müssten“, schlägt der Redaktionsleiter vor. Das Ergebnis:

Fakten über Handystrahlung

Wir fassen nachfolgend einige sehr offizielle und annerkannte Studien und Berichte zusammen:

  • REFLEX-Studie unter Beteiligung der EU legt Gefahren offen

Die REFLEX-Studie ist ein von der EU gefördertes Projekt zur Erforschung möglicher Schädigungen des Erbguts durch hochfrequente elektromagnetische Felder, wie die Handystrahlen. Die Forschungen wurden in den Jahren 2000 bis 2004 von zwölf Forschergruppen aus sieben europäischen Ländern durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in zwei Labors außerhalb des Projektes bestätigt, während nur ein weiteres Labor die genannten Wirkungen nicht beobachten konnte: Laut der REFLEX-Studie sollen die Mikrowellenstrahlungen bereits deutlich unterhalb des gesetzlichen Strahlungsmaximalwertes von 2 W/kg Schädigungen an der Struktur und Funktion der menschlichen Gene verursachen können – bereits ab 0,3 W/kg. OK, das überrascht uns. Jedenfalls wussten wir es bis heute nicht.

Der SAR-Wert (spezifische Absorptionsrate) ist ein Maß für die Absorption von elektromagnetischen Feldern in einem Material, z. B. dem menschlichen Gehirn, in Nähe eines aktiven Smartphones bzw. Handys. Ein bedeutsamer Anstieg der DNA-Strangbrüche war laut dieser REFLEX-Studie in menschlichen Fibroblasten bereits bei dem SAR-Wert von 0,3 W/kg nachweisbar.

Typisches Verhalten von jungen Handynutzern, die sich selbst teilweise dann schon über ihre Smartphones unterhalten, wenn sie direkt nebeneinander stehen. Diese exzessive Nutzung könnte zu erheblichen gesundheitlichen Risiken führen, wie aktuelle Studien belegen. (Bild: flickr)

Die übliche Strahlungsstärke von Smartphones heutzutage liegt bei 0,5 W/kg bis hin zum derzeit noch gültigen Grenzwert von knapp 2,0 W/kg. Sämtliche Hersteller sind verpflichtet, diese Grenzwerte einzuhalten und gegenüber dem Bundesamt für Strahlenschutz offenzulegen. Dabei werden derzeit auch die Angaben der Hersteller selber als Maß herangezogen.

Die vom EMF-Institut Dr. Nießen geführte und auch offiziell anerkannte Liste auf der Website handywerte.de gibt aktuell und seriös Auskunft über die Strahlungsstärke von mobilen Geräten. So auch das Bundesamt für Strahlenschutz in der sogenannten SAR-Suche, einer Website, auf der sich User über die Strahlungsstärke ihrer mobilen Geräte informieren können. Als sehr gering gelten Werte bis 0,40 W/kg, als gering bis 0,60 W/kg, mittelstark bis 1,00 W/kg und als sehr stark, Werte darüber, bis zur gesetzlichen Grenze von 2,0 W/kg. Die meisten iPhones z. B. rangieren zwischen 0,80 und knapp 1,00 W/kg Strahlung.

  • Derzeit aktuelle Warnungen des Bundesamtes für Strahlenschutz

Beispielsweise das Bundesamt für Strahlenschutz warnt aktuell: Ganz besonders wichtig ist die Minimierung der Strahlenbelastung für Kinder. Sie befinden sich noch in der Entwicklung und könnten deshalb gesundheitlich empfindlicher reagieren“, und übergibt die Verantwortung damit an die Eltern, die hier für ihre Kinder haften. Außerdem gibt das Bundesamt aktuell praktische Tipps, wie Anwender die „individuelle Strahlenbelastung“ möglichst senken können, ohne dabei richtiger Weise Panik zu verbreiten und trotzdem auf mögliche Gefahren relativ deutlich hinzuweisen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz warnt besonders junge Nutzer vor exzessiver Handynutzung und gibt Empfehlungen, um die individuelle Strahlenbelastung möglichst gering zu halten. Eltern haften für ihre Kinder. (Bild: flickr)

So werden Tipps bezüglich der Reduzierung von Strahlungsbelastung publiziert. Hier gilt: Jeder User muss sich hier seinen eigenen Reim daraus machen. Das Bundesamt gibt zudem Empfehlungen zum Telefonieren mit dem Handy. So ist zu lesen: „Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand reichen die aktuellen Grenzwerte aus, um vor nachgewiesenen Gesundheitsrisiken zu schützen. Allerdings bestehen nach wie vor Unsicherheiten in der Risikobewertung, die durch das Deutsche Mobilfunk-Forschungsprogramm nicht vollständig beseitigt werden konnten.“ Was bedeutet das? Es bestehen also Unsicherheiten bezüglich der Risikobewertung und das ist alles andere als eine Entwarnung, gerade vor dem Hintergrund des wohl unbestritten enormen Drucks der Industrie auf die Behörden und einzelne Beamte.

Viele Kommentatoren und Experten erinnert das Szenario an die Asbest-Debatte. Noch heute sterben jährlich 1.500 Menschen an den direkten oder den späten Folgen des Materials, das trotz der damaligen Bestreitung durch die entsprechenden Industrien bis heute hunderttausende Tote forderte.

  • Vollständiges Risiko der Handystrahlungen erst in der Langzeitwirkung sichtbar

Insgesamt gilt als derzeit noch problematisch, dass es kaum Langzeitstudien gibt. Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt, davor gab es zwar schon exzessive Handynutzer, aber in einer so flächendeckenden Form können Langzeitfolgen gerade einmal auf circa zehn bis maximal 15 Jahre überhaupt erforscht werden. Derzeit, so resümieren unabhängige Wissenschaftler weltweit, befinden wir uns in einem gigantischen biologischen Feldversuch.

Selbst Behörden wie das Bundesamt räumen klar und deutlich ein, Langzeitwirkungen nicht abschätzen zu können. Doch gerade diese Langzeitwirkung und Vielbenutzung sind das Maß aller Dinge, wenn über „Verstrahlung“ in diesem Zusammenhang gesprochen wird. Es geht, so haben wir herausgefunden, nicht um die normale Nutzung der Geräte von weniger als einer Stunde täglich, sondern eben gerade um dauerhaft exzessive Anwendung, wie wir sie, das lässt sich nicht bestreiten, beispielsweise bei Kindern oder Geschäftsleuten beobachten können.

  • Universitätsklinikum Lund: Nicht thermische Effekte gefährlich

Wir recherchieren weiter und suchen nach anderen Studien und Untersuchungen neben denen der EU-geförderten REFLEX-Studie. Dabei lassen wir einmal die aus unserer Sicht krassen Beispiele außen vor, die wirklich richtig schlechte Laune bereiten und konzentrieren uns nur auf die offiziell anerkannten Untersuchungen, die selbst wir als besonders kritische und eher uneinsichtige User kaum noch ignorieren können.

Sehr bekannt und anerkannt ist eine Studie des Universitätsklinikums im schwedischen Lund, die sowohl auf thermische Effekte (Wärme durch Handystrahlung) als auch nicht thermische Effekte der Handystrahlung fokussierte: Besonders umstritten, und deshalb in Lund untersucht, sind die nichtthermischen Effekte, also die vorgenannten Strahlungen. So weiß das Magazin Spiegel zu berichten, dass Forscher dort Ratten mit handelsüblichen Handys bestrahlten. Bei der Hälfte der Tiere mit verheerenden Folgen: Die an sich geschlossene Blut-Hirn-Schranke wurde dadurch geöffnet. Bei dem Test sickerten Albumin-Eiweiße aus den Blutgefäßen ins Hirn. Bis heute ist nicht geklärt, ob gleiche Effekte auch bei Menschen möglich wären.

Ein Tumor, wie er durch exzessive Handynutzung entstehen könnte, so offizielle Studien, die immer wieder von der Industrie oder industriefinanzierten Instituten angegriffen werden. Besonders Nutzer, die mehr als 15 Stunden pro Monat telefonieren, könnten zur Risikogruppe zählen. (Bild: wikipedia)

Universität Bordeaux aktuell: Exzessive Smartphone-Kommunikation erhöht Risiko von Gehirntumoren 

Erste Langzeitergebnisse liegen bereits vor, die wenigstens schon auf zehn Jahre zurückgreifen können und weiter unten benannte Studien wie INTERPHONE sehr aktuell bestätigen. Die Wissenschaftler um Dr. Gaelle Coureau und Dr. Isabelle Baldi von der renommierten Université Bordeaux Segalen legten 2014 das Ergebnis ihrer Langzeitstudie vor. Auch hier kann leider keinesfalls von einer Entwarnung gesprochen werden.

Die Wissenschaftlerinnen untersuchten die Zusammenhänge elektromagnetischer Wellen mit Tumoren und Gilomen im Hirn. Dazu wurden 500 betroffene Personen mit Tumoren gründlich untersucht und zudem befragt. Die Wissenschaftler konnten einen statistisch belegbaren Nachweis erbringen, der einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Krebs offenlegt – besonders bei Vielnutzern.

  • Vielnutzer (Poweruser) bei mehr als 15 Stunden pro Monat

Als Vielnutzer gelten nach Definition der renommierten Wissenschaftler Menschen, die bisher über fünf Nutzungsjahre mehr als 900 Stunden telefoniert haben, bzw. solche Nutzer, die ihre smarten Telefone mehr als 15 Stunden im Monat über einen Zeitraum von fünf Jahren nutzten.

Wer mehr als 15 Stunden pro Monat oder insgesamt schon mehr als 900 Stunden telefoniert hat, zählt nach Ansicht renommierter Forscher zur Risikogruppe. Wie bei allen „Gefahrenstoffen" kommt es auf die Konsummenge an. (Bild: GOG).

Wir werden stutzig und rechnen nach: Alles in allem und sehr ehrlich addiert, sind 15 Stunden nicht besonders viel. Noch beunruhigender: 900 Stunden insgesamt z. B. nach der doppelten Zeit, also nach zehn Jahren (dann also nur 7,5 Stunden monatliche Telefonzeit), sind viel weniger als unsere eigenen Nutzungszeiten. Tatsächlich könnten wir in zehn Jahren auch 2.000 Stunden, bis zu 10.000 Stunden telefoniert oder bald telefoniert haben. Denn auch wenn wir mobil im Internet surfen, sind wir Strahlungen ausgesetzt, auch wenn das Handy dann nicht so nah am Ohr anliegt. Das bezieht demnach auch die Handynutzung von Menschen in der näheren Umgebung mit ein, in gewisser Weise mit Zigarettenrauch vergleichbar. Kurz: 900 Stunden Gesamtnutzungszeit erscheint eher wenig, gerade aus Sicht jugendlicher Vielnutzer.

  • Das Maß macht den Unterschied

Die Forscher betonten aber auch, dass eine „normale“ Nutzung ein kaum größeres Risiko mit sich bringt als bei Menschen, die gar keine Smartphones oder Handys benutzen. Nach Aussagen der französischen Forscher benutzten fast 50 Prozent der Probanden zum Studienzeitpunkt schon vier bis neun Jahre ein Handy. Vierzig Prozent schon zehn Jahre oder länger. 62 Prozent der untersuchten Personen benutzten das Handy vor allem geschäftlich. Dabei telefonierten sie im Durchschnitt eine knappe Stunde täglich. Darunter viele Manager oder Händler, die täglich bestimmte Abläufe beruflich koordinieren müssen und das Handy darum häufiger als eine Stunde pro Tag nutzen.

Insbesonders junge Menschen, die oftmals viel zu unbedacht mit dem Handy umgingen und sich der Strahlung praktisch vierundzwanzig Stunden am Tag aussetzten sowie Vieltelefonierer, denen keine Wahl bleibt, müssten aber mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen bis hin zu schweren Erkrankungen rechnen.

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WHO-Studie, Internationale Agentur für Krebsforschung: Strahlung möglicherweise krebserregend

Auch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), die der Weltgesundheitsorganisation untersteht, kam zu dem Schluss, dass Handystrahlung Erkrankungen nicht nur begünstigen, sondern direkt verursachen könnte. Die WHO stuft die Strahlung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern seit 2011 als möglicherweise krebserregend ein. Immerhin in einer Warnstufe (2B), in der Blei, Abgase und Schimmelpilze genannt werden, so berichtet u. a. springer.com.

  • Dringend Aufklärung an den Schulen erforderlich

Grundsätzlich stellt sich die Frage, warum Kinder gerade in Grundschulen nicht eindringlicher vor den möglichen Gefahren gewarnt werden, jedenfalls solange, bis sie nicht vollständig ausgeschlossen werden können. Denn ausnahmslos sämtliche seriöse Studien und offizielle Stellen betonen besonders den Schutz von Kindern, teilweise sogar mit Nachdruck für die Konsumenten, die das wissen möchten und ein gewisses Maß an Eigenverantwortung verspüren.

Nur leitet sich daraus keine proaktive politische Handlung ab, die unbestritten geboten wäre, ohne Panik zu verbreiten. Nach Ansicht von Experten fehlt ein ebenso engagierter Aufklärungsmechanismus wie bei Tabak. Unsere Kinder seien proaktiv ungeschützt und es entsteht allgemein der Eindruck, es werde schon gut gehen. Eine logische Konsequenz bei einer drohenden Gefahr (eben das besagt diese Wahrscheinlichkeit) ist das Ergreifen von präventiven Schutzmaßnahmen.

Eine Möglichkeit des Schutzes besteht in der Benutzung von Kopfhörern und Freisprechanlagen, da hierbei das Handy nicht direkt an den Kopf gehalten wird, und das unbedingte Beachten der Nutzungsdauer. Diese Aufklärung an Schulen und in öffentlich-rechtlichen Medien ist längst überfällig.

Europäische Umweltagentur: „Langfristig bestehen erhebliche Gefahren durch Handystrahlung

Die INTERPHONE-Studie wird mittlerweile wie viele seriöse Erhebungen von industrienahen Experten und Instituten angezweifelt. Die Studie wurde zu circa 30 Prozent von der Industrie mitfinanziert. Dennoch kommen die Forscher in einem Zwischenbericht Ende 2007 lt. dem ARD-Nachrichtenmagazin REPORT zu dem Ergebnis:

Auszug aus der ARD-Sendung REPORT im Rahmen einer kritischen Berichterstattung über die INTERPHONE Study.
  • Warten oder handeln?

Wer das Handy mehr als zehn Jahre hauptsächlich auf einer Seite vom Kopf benutzt, hat ein signifikant erhöhtes Risiko, einen Tumor am Hörnerv oder einen Gehirntumor, ein Gliom zu bekommen. Prof. Maria Blettner, Leiterin INTERPHONE Deutschland, sieht dies gelassener und rät, weitere Ergebnisse abzuwarten. Abwarten, obwohl es klare Hinweise auf Langzeitschäden gibt? Damit werden Handynutzer immer wieder auf eine nächste Studie vertröstet.

  • EU-Behörde bezieht klar Stellung

Wenigstens, so der Bericht, bezieht nun auch in diesem Fall eine offizielle Behörde klar Stellung: Mobilfunk ist gefährlich, so heißt es in einem Bericht der europäischen Umweltagentur. Die Direktorin hält weiteres Abwarten für fatal, angesichts der derzeitigen Forschungsergebnisse, so der Bericht. Jacqueline McGlade, Direktorin der europäischen Umweltagentur: Handys mögen schwach strahlen, aber es gibt genügend Beweise für Wirkungen auch bei schwacher Strahlung, so dass wir jetzt handeln müssen. Der Bericht fasst auf über 600 Seiten 2.000 Studien zu elektromagnetischen Feldern zusammen und kommt darin zu eindeutigen Ergebnissen. „Nach mehr als 10-jähriger Handynutzung erhöht sich das Hirntumorrisiko um 20 bis 200 Prozent.“ Die Behörde resümiert: Die Grenzwerte sind unzureichend, gerade weil Kinder Handys schon in sehr jungen Jahren bekommen.

Auszug aus der ARD-Sendung REPORT, in der über eine 600 Seiten starke Studie berichtet wird, die über 2.000 Einzelstudienergebnisse zusammenfasst.

Unser Fazit:

Für die einen ist das Glas halb leer, die anderen sehen es halb voll vor sich. Die Frage, die wir uns gestellt haben, ist, ob wir das Risiko tatsächlich eingehen wollen? Während die Hersteller durch Studien untermauert beteuern, dass die Strahlung sehr wahrscheinlich ungefährlich ist, warnen wenigstens ebenso seriöse und aus der Sicht vieler Experten eher glaubhaftere Quellen klar und deutlich vor übermäßiger Handynutzung.

  • Gehen wir übers Eis oder nicht?

Wir können also über diesen zugefrorenen See gehen. Am Ufer steht aber dieses offizielle Schild für jeden, der es finden möchte, auf dem steht: „Möglicherweise brechen Sie im Eis ein. Sollten Sie dennoch über das Eis laufen wollen, legen Sie sich lieber auf den Bauch und bewegen Sie sich vorsichtig – dann könnte es funktionieren. Und: „Sie machen das auf eigenes Risiko – wir garantieren Ihnen keinesfalls, dass das gut geht und schon gar nicht, wenn Sie zu fest auftreten. Wir jedenfalls hören das nicht gerne, aber genau so ist die Lage.

  • Wir werden vorsichtiger sein und unsere Kinder aufklären

Natürlich: Wir werden unsere Smartphones behalten und sie auch benutzen. Allerdings werden wir dies deutlich vorsichtiger tun als bisher. Denn wir rauchen und trinken nicht und kaufen bio – um uns und unsere Umwelt zu schonen. Unsere Kinder haben wir bereits informiert und werden dies, Ärger hin oder her, immer wieder tun: Wenn Sie selber Eltern sind, brauchen wir Ihnen die Reaktionen nicht darzulegen. Es ist wirklich sehr schwierig, gerade die eigenen Kinder vor den Gefahren zu schützen. Das geht nicht per Law & Order, sondern nur mit Unterstützung der Öffentlichkeit.

Erst wenn Schulen und öffentlich-rechtliche Medien gemeinsam mit Instituten und Behörden in Form einer breit angelegten Kampagne über mögliche erhebliche Gefahren aufklären, können Eltern sich der ungenierten Machtausübung der Industrien widersetzen und wohl nur so erreichen, dass ihre Kinder möglicherweise nicht unter den Spätfolgen exzessiver Handynutzung zu leiden haben.

  • Schulzeit zum Schutz unserer Kinder

Die Niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hat im Landtag dem Entschließungsantrag „Schule muss der Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten gerecht werden“, zugestimmt. Schön, doch wenn Zeit dafür ist, dann muss auch die Zeit sein, Kinder und Heranwachsende vor den höchst offiziell nicht ausgeschlossenen lebensgefährlichen Gefahren von exzessiver Handynutzung, gleichwohl aber auch vor den Gefahren der freizügigen und skrupellosen Vermarktung intimster Daten von Kindern durch Konzerne wie Facebook, wenigstens zu warnen und hier proaktive Aufklärung zu betreiben. Oder kann es sein, dass hier ein ganzer Staatsapparat samt seiner Medienmacht vor der Industrie in die Knie geht? Selbst eine so stabile 80-Millionen-Gesellschaft wie Deutschland?

  • Kompetenzinitiative und südtiroler Landtag

Zum Schluss möchten wir noch auf eine Schriftenreihe der Kompetenzinitiative e. V. hinweisen, die unter Einbeziehung zahlreicher anerkannter Wissenschaftlern und Experten zu dem Ergebnis kommt: „Unsere Prüfung der Ergebnisse zeigt, dass bis heute mehr als 200 wissenschaftlich begutachtete Studien veröffentlicht worden sind, die auf einen Zusammenhang zwischen langfristiger Handynutzung und ernsthaften Gesundheitsschäden hindeuten. Die Summe entsprechender Hinweise ist groß, ihre Aussage unmissverständlich. Zu den erkannten möglichen Gesundheitsrisiken gehören nicht nur Hirntumore, sondern auch Schädigungen der Fruchtbarkeit, der Gene, der Blut-Hirn-Schranke und der Melatoninerzeugung. Zudem gibt es weitere biologische Wirkungen, die mit der Krebsentstehung in Zusammenhang gebracht werden.“ Auch diese Zusammenfassung wurde wiederum von Experten in Frage gestellt. Und so warten wir auf die nächsten 1.000 Studien, während sich das zuständige Bundesamt keinesfalls durchringt, prinzipiell Entwarnung in Folge einer Langzeitnutzung zu geben.

Studie der Kompetenzinitiative e. V.

Derweil hat der Südtiroler Landtag deutlichere Fakten geschaffen und schützt vor allem Schüler proaktiv durch klare Beschlüsse.

Kommentare

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21.08.2015 um 19:54 Uhr
Reiner S. schreibt
Obwohl ja noch gar nicht bewiesen ist, ob die Handystrahlung gefhrlich ist oder nicht, kann ich mir allerdings gut vorstellen, dass Eltern absolut damit berfordert sind oder wren, ihre Kinder hier aufzuklren. Ich glaube nicht, dass Telefonieren etwa so gefhrlich ist wie Rauchen, aber in diesem Fall gillt wohl: Im Zweifel gegen das Vieltelefonieren. Viel kritischer sehe ich den Datenmibrauch von Facebook und Co. Wer die Vertrge dort einmal wirklich durchliest, kommt aus dem Staunen nicht raus.

Sie haben zwar erwhnt, dass es Unbedenklichkeitsstudien gibt, diese aber nicht gelinkt. Htte mich interessiert, auch wenn ich nicht glaube, dass die Industrie hier am eigenen Ast sgt. Man sieht aber auch viele Berichte, die das Thema weniger deutlich bewerten wie Ihre Redaktion.
25.08.2015 um 19:14 Uhr
Sabrina schreibt
Es ist nicht bewiesen? Ich finde die Quellen schon beunruhigend. Habe auch selber nochmal gegoogelt und nirgends wollte sich jemand verbindlich zur Risikolosigkeit der Vielnutzung uern. Keiner sagt, dass alles in Ordnung ist. Ich finde, das hat druckdeal gut erfasst: "Im Grunde nicht, aber mglicherweise doch".

Auerdem hat der Tiroler Landtag wohl auch nicht grundlos Gesetze beschlossen, um die Kinder zu schtzen. Auch das Beispiel mit Asbest konnte ich nachvollziehen. Tatschlich wurde auch das damals von der Industrie bestritten.

Man wird nicht gleich sterben, aber das passiert Rauchern auch nicht, sondern auch erst und vielleicht nach vielen Jahren "Vielkonsum". Lustig, dass bestimmte Leute kein Fleisch essen und nicht rauchen und dann aber mit dam Handy am Ohr im Bioladen zuhause nachfragen, was noch fehlt.
28.08.2015 um 13:39 Uhr
Lisa Duvera schreibt
Warum macht die Bundesregierung nicht wenigstens auf die Gefahren aufmerksam? Was der kleine Tiroler Landtag schafft, sollte der Bundestag wohl auch hinbekommen. Ohne "Druck" in den SChulen und ohne Aufklrung, werden Kinder weiterhin zu den Vielnutzern zhlen. Vielleicht knnen Eltern diesen Artikel herzeigen.

Danke fr diesen gelungenen Artikel und die Aufklrung. Das ist wirklich selten geworden.
07.09.2015 um 20:58 Uhr
Hanspeter G. schreibt
Bisher noch keine derart umfassende Berichterstattung ber dieses Thema im Internet gefunden. Vielen Dank fr diese informative Zusammenfassung. Sehr lesenswert.

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